Werden wir heute anders gestresst als früher?

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Stress gab es schon immer und es wird ihn immer geben. Statistisch dürfte unser Leben heute jedoch weit weniger bedroht sein, als jemals zuvor. Lebenserwartung, Gesundheitswesen und soziale Absicherung waren noch nie besser. In Europa bedrohen schlechte Ernten nur noch unser Portemonnaie, nicht aber unser Leben. Die Säbelzahntigerdichte ist auf ein überschaubares Maß von Null gesunken und wenn wir unserem Nachbarn auf die Nerven gehen, hat der kaum noch Chancen uns der Hexerei zu bezichtigen und uns auf dem Scheiterhaufen verbrennen zu lassen.

Warum machen wir uns also so einen Stress?

Weil die Evolution uns ein Update des Systems schuldet. Die Stressauslöser, mit denen wir zu tun haben, mögen in ihrer Dramatik abgenommen haben, doch hat ihre Anzahl zugenommen. Wir sind gezwungen auf viel mehr Reize zu reagieren, als wir es noch vor 100 Jahren mussten. Evolutiv sind wir auch nicht darauf eingestellt, schlimme Nachrichten als „nicht bedrohlich“ einzustufen. Noch vor 200 Jahren betrafen uns alle Nachrichten mehr oder weniger direkt, da sie aus der unmittelbaren Region kamen. Heute stehen uns Informationen aus aller Welt zur Verfügung. Allen voran die Horrormeldungen. Die Terroranschläge der Welt summieren sich in unseren Köpfen und werden bis vor den heimischen Gartenzaun projiziert.

Unser Stresssystem arbeitet nur in drei Stufen und selbst die erste geht evolutiv auf „Leben bedroht!“ zurück. Weiter differenzieren kann es nicht. Wir verfügen nicht über die Stufe „grad nicht so günstig, wird aber wieder!“. Der wütende Chef wird vom körpereigenen Stresssystem behandelt, als sei er ein lebensbedrohender Säbelzahntiger. Weil es nicht anders kann. Wäre der Chef das einzige Problem, käme unser Körper gut damit zurecht. Chef weg, Parasympathikus an, Homöostase wieder da, fertig.

Was hat die Überbevölkerung damit zu tun?

Zunächst mal: wir sind so verdammt viele geworden. Von 0,3 auf 2,53 Milliarden vom Jahre 0 bis zum Jahr 1950. Und dann? Leute, echt… beim Anblick unseres explosionsartigen Zuwachses von fast 200% in den letzten 65 Jahren, wird jeder Schimmelpilz blass vor Neid! Wir haben uns fast verdreifacht. In 65 Jahren. Und jede Minute kommen 157 (Stand 2019 laut statista.com) frische Menschen dazu. 

Mit der Anzahl an Menschen steigt das Konfliktpotential. Wir sind biologische Wesen und als solche in Konkurrenz zueinander entstanden. Unser Nervensystem ist darauf programmiert, das eigene Leben und die eigenen Gene durchzubringen. Komme, was da wolle. Egal, für wie zivilisiert wir uns heute halten, tief in uns steckt noch das Tier, das gern urinierend sein Revier markieren will, das möglichst an die Spitze der Hackordnung und so viele Ressourcen wie möglich an sich raffen will.

Mit dem Zuwachs haben sich auch Gesellschaftsstrukturen und Lebensphilosophien geändert. Vor 400 Jahren stand der Platz in der Gesellschaft bei der Geburt fest. Ganz ohne Frage nicht schön, aber eine Struktur. 

Wie uns die Hackordnung stresst…

Jeder, der heute in unserer Gesellschaft im arbeitsfähigen Alter ist, lebt mit der Last, dass er alles erreichen kann. Alles! Und es auch sollte. Weil sein Platz in der Gesellschaft vom Grad seiner Produktivität und seinen Fähigkeiten abhängt. Schafft man es nicht bis an die Spitze, hat man versagt. Dann hat man die falschen Entscheidungen getroffen oder war nicht effektiv genug. Erholungspausen und Schlaf werden zum Luxus der Ahnungslosen. Wer sich Pausen gönnt, hat schon aufgegeben. Wer sich nicht stetig steigert, vergeudet sein Potential. Vor 50 Jahren war es noch vollkommen in Ordnung, sich für Familie oder Karriere zu entscheiden. Heute muss bitte beides gehen – plus mindestens ein total abgedrehtes Hobby. Vor 20 Jahren musste man sich für Lücken im Lebenslauf rechtfertigen. Heute bei fehlenden Überschneidungen.

In einer Zeit der unbegrenzten Möglichkeiten, gibt es mehr Entscheidungen zu treffen und mehr Anforderungen zu erfüllen, als wir leisten können. Dazu kommen urbane Mythen und Geschichten aus der ganzen Welt, die den inneren Druck verstärken. Die Vorstellung von dem zu erreichenden Mindestmaß an Perfektion, stürzt viele in einen Leistungswahn. 

DAS ist der Stress der heutigen Zeit. Er ist allgegenwärtig und partiell imaginär. Er lauert nicht hinter dem nächsten Gebüsch, sondern in unseren Köpfen. Darauf ist unser Stresssystem nicht eingestellt. Dafür wurde es nicht konzipiert. Der Mensch hat seine Umwelt in den letzten 250 Jahren so rasant verändert, dass ihm die Systeme, die ihm Mutter Natur aufwendig und in liebevoller Kleinarbeit auf den Leib geschneidert hat, nur noch bedingt weiterhelfen. Mutter Natur arbeitet langsam. Wir werden noch eine Weile auf das Update warten. Bis dahin sollten wir uns vielleicht ein Beispiel an ihr nehmen.


Quellen (Artikelserie “Stress Grundlagen”):

Janßen, S. & Hobacher, N. (2019). Die Reenergize-Formel – Der evolutionäre Baukasten für Energie und Glück (German Edition). Topicus.

Schöner Stress. Wir verteufeln ihn als Krankmacher, dabei hält er uns am Leben. Höchste Zeit, unser Bild zu korrigieren. Von Urs Willmann 

Elenkov, I.J. & Chrousos, G.P., (2002). Stress hormones, proinflammatory and antiinflammatory cytokines, and autoimmunityAnn N Y Acad Sci, 966, 290-303.

Elenkov, I.J., Wilder, R.L., Chrousos, G.P. & Vizi, E.S., (2000). The sympathetic nerve–an integrative interface between two supersystems: the brain and the immunesystemPharmacol Rev, 52 (4), 595-638.

Elaine Setiawan et al. (2015): Role of Translocator Protein Density, a Marker of Neuroinflammation, in the Brain During Major Depressive Episodes”, JAMA Psychiatry. 72(3):268-275

Rensing L (2015): Mensch im Stress: Psyche, Körper, Moleküle. Springer Spektrum

Het S (2009): Die Cortisolreaktion auf akuten psychischen Stress. Dissertationsschrift Universität Bochum

Kaluza G (2015): Gelassen und sicher im Stress. Springer Verlag


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