Was passiert im Körper bei Stress?

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Früher standen wir das ein oder andere Mal plötzlich vor einem gefährlichen Raubtier. Heute reicht eine Email vom Chef für die selbe Reaktion. Der Mechanismus, mit dem unser Körper auf Stress reagiert, ist sehr robust und hat sich über alle Säugetiere hinweg trotz Evolution kaum geändert. Kurzum: Sie ist noch die gleiche wie damals, als uns ab und an mal ein Säbelzahntiger begegnen konnte. Unser Problem ist allerdings, dass wir selbst in den übelsten Zeiten der Menschheit nur selten mit einem Raubtier zu tun hatten – heute aber fast täglich in irgendeiner Form Stress ausgeliefert sind. Aber was passiert dabei eigentlich? Und hat unsere Stressreaktion, egal ob heute oder früher, nicht auch etwas Gutes?

Die Stressreaktion

Komplexe Systeme, zu denen der Mensch zweifelsohne gehört, werden über Regelkreise und Rückkopplungsschleifen gesteuert. Diese Mechanismen halten das eigentlich dynamische System in einem Gleichgewichtszustand, der Homöostase. Auf einen Reiz folgt eine Reaktion des Körpers. Diese erste Reaktion löst weitere aus und verhindert andere. Ziel aller Veränderungen im Körper ist, der momentanen Aufgabe gerecht zu werden und im Anschluss die Homöostase wieder herzustellen.

Im Fall der Stressreaktion werden zwei Regelkreise aktiviert. Der eine wird über Nervenimpulse gesteuert und ist daher sehr schnell (Hypophysen-Sympathikus-Nebennierenmark-Achse), der andere arbeitet mit Hormonen als Überträger und ist etwas langsamer (Hypohysen-Hypothalamus-Nebennierenrinden-Achse). Beide Achsen starten in der Hypophyse, der Hirnanhangdrüse, die eine zentrale Rolle bei der Hormonregulation im Körper hat. Unter anderem landen Wachstum, Fortpflanzung und Stoffwechsel bei ihr auf dem Tisch.

Die schnelle Stressreaktion: Der „fight-or-flight“ Mechanismus über den Sympathikus

Wer entgegen aller Erfahrung noch glaubt, sein Gehirn mache ihn zum alleinigen Herrscher über seinen Körper, den muss ich an dieser Stelle enttäuschen. Das „Bauchgefühl“ hat ein systemisches Korrelat: das vegetative Nervensystem. Es steuert jenseits unserer bewussten Wahrnehmung und direkten Kontrolle die zur Aufrechterhaltung der Homöostase notwendigen Prozesse. 

Man unterscheidet das sympathische und das parasympathische Nervensystem. Signale des Sympathikus wirken leistungsfördernd, Signale des Parasympathikus leiten die Erholung ein. Die beiden können als Gegenspieler eine sehr feine Justierung der Systeme hervorrufen.

In unserem Gehirn laufen alle Informationen zusammen. Sinneseindrücke, psychische Belastungen, körperliche Überanstrengung, eine Unterzuckerung,… alles Reize, die vom Großhirn oder dem limbischen System als Gefahrensituation eingestuft werden können. In diesem Fall wird der Körper über zentrale Kerngebiete in Sekundenbruchteilen in den „fight-or-flight“-Zustand versetzt. Sinne und Aufmerksamkeit werden geschärft und auf die Situation fokussiert. Alle Kräfte werden mobilisiert, um sich in Sicherheit zu bringen oder die Sicherheit eines Angreifers massiv zu gefährden.

Zunächst wird der leistungssteigernde Sympathikus aktiviert. Durch seine Aktivität werden die Pupillen und die Bronchien erweitert, die Herzfrequenz und der Blutzuckerspiegel erhöht und darüber hinaus im Nebennierenmark Noradrenalin und Adrenalin ausgeschüttet.

Noradrenalin und Adrenalin sind Botenstoffe und werden als Katecholamine bezeichnet. Sie verstärken und modulieren, was der Sympathikus begonnen hat. Sie wirken unterschiedlich stark auf die Zielorgane, wobei in nahezu allen Fällen Adrenalin stärker wirkt als Noradrenalin. Sie steigern die Kontraktionsfähigkeit des Herzens, erhöhen den Fettstoffwechsel und den Glykogenabbau in Muskeln und Leber und erweitern die Bronchien und die Blutgefäße in den Skelettmuskeln. Kurzum: sie sorgen für Energie und Sauerstoff im gesamten Organismus.

Nicht benötigte Systeme werden durch den Sympathikus und die Katecholamine heruntergefahren. Die Versorgung des Verdauungstraktes wird zunächst durch den Sympathikus und Noradrenalin heruntergefahren und dann durch Adrenalin nahezu eingestellt. Energie, die in einer akuten Gefahrensituation noch nicht in fertig verdauter Form vorliegt, nutzt niemandem mehr. Die Energie, die für die Verdauung vorgesehen wäre, jedoch schon. Also werden die Blutgefäße zu den Eingeweiden verengt, die Magenbewegung wird verringert. Die dadurch eingesparte Energie wird an die Systeme geleitet, die dein Leben noch retten können, allen voran die Skelettmuskulatur. Außerdem wird die Ausschüttung von Insulin unterdrückt, da es den Blutzuckerspiegel senken würde.

Nach Kampf oder Flucht folgt – im Falle des Überlebens – die Erholungsphase: der Parasympathikus hat seinen Auftritt. Er fährt Atmung und das Herz-Kreislauf-System wieder auf Normalbetrieb herunter und lässt die Verdauung munter glucksen. 

Die verzögerte Stressreaktion und Cortisol

Die zweite Achse, die bei Stress aktiviert werden kann (Hypohysen-Hypothalamus-Nebennierenrinden-Achse), stellt den Körper so ein, dass er einer länger andauernden Gefahrensituation gewachsen ist – und entpuppt sich in der heutigen Zeit als die Achse des Bösen der Stressreaktion. 

Geht der Adrenalinspiegel nicht zurück, veranlasst die Hypophyse die Nebennierenrinde, Cortisol zu bilden. 

Cortisol hat zahlreiche wichtige Funktionen im Stoffwechsel. Unabhängig vom situativen Bedarf, folgt die Cortisol-Produktion einem Tagesrhythmus (circadianer Rhythmus). Kurz bevor der Tag für uns beginnt, ist der Cortisolspiegel am höchsten und erleichtert uns durch das Anheben des Blutzuckerspiegels das Aufstehen. 

Im Fall der Stressreaktion dient Cortisol dazu, weitere Kräfte zu mobilisieren und die Anpassungen des fight-or-flightMechanismus über längere Zeit stabil zu halten. Resultat sind anhaltend hohe Puls‑, Blutdruck‑ und Blutzucker-Werte. Entzündungsreaktionen, Fortpflanzungs- und Verdauungsorgane werden gedämpft. 

Außerdem sorgt Cortisol für eine Regulierung des Immunsystems. Das Immunsystem schützt den Körper mit zwei Abwehrreihen vor unliebsamen Eindringlingen und fehlerhaften Zellen. Die unspezifische Immunabwehr ist angeboren und bleibt zeitlebens unverändert. Sie löst unter anderem Entzündungsreaktionen aus und schirmt den Körper mittels verschiedener Barrieren von schädlichen Einflüssen ab. Die spezifische Immunabwehr hingegen ist der lernende Teil des Immunsystems, der Antikörper bildet und sich an einmal bekämpfte Erreger erinnert.

In einer akuten Stresssituation, in der der Körper aus evolutiver Erfahrung heraus mit Verletzungen rechnet, wird die unspezifische Immunabwehr verstärkt, die spezifische Abwehr wird heruntergefahren.

Damit wir uns nicht zu Tode stressen, verfügt der Körper über sogenannte „negative Rückkopplungsschleifen“: Die Stresshormone beschränken sich selbst. Überschreiten die Konzentrationen einen kritischen Wert, wird eine weitere Produktion eingestellt.

Was sind die Folgen von zu viel Cortisol?

Problematisch ist insbesondere die Tatsache, dass Cortisol auf Reserven im Körper zurückgreift, um den Blutzuckerspiegel aufrecht zu erhalten. Denn unser Körper meint, dass sofort Energie gebraucht wird. Häufig ist dem aber gar nicht so, insbesondere dann nicht, wenn wir seit Stunden im Büro sitzen und uns nicht bewegen – aber trotzdem gestresst sind. Cortisol bedient sich dann mit Energie aus Muskeln und Knochen.

Eine Art „Teufelscocktail“ ergibt sich dann, wenn Cortisol und Insulin aufeinandertreffen. Insulin wird bei kohlenhydratreichen Mahlzeiten am stärksten und schnellsten ausgeschüttet, insbesondere bei ein- bis zweifachen Zuckern. Die Signale im Körper sind dann völlig widersprüchlich: Einerseits soll Energie aus allen Quellen bereitgestellt werden und andererseits in Form von Fett gespeichert werden, weil eben keine Energie benötigt wird. Schließlich betreiben wir nicht gerade Hochleistungssport, wenn wir Essen und gleichzeitig gestresst sind. Das Ergebnis sind wachsende Fettdepots und Insulinresistenz, die wiederum für weiter wachsende Depots sorgen…


Quellen (Artikelserie “Stress Grundlagen”):

Janßen, S. & Hobacher, N. (2019). Die Reenergize-Formel – Der evolutionäre Baukasten für Energie und Glück (German Edition). Topicus.

Schöner Stress. Wir verteufeln ihn als Krankmacher, dabei hält er uns am Leben. Höchste Zeit, unser Bild zu korrigieren. Von Urs Willmann 

Elenkov, I.J. & Chrousos, G.P., (2002). Stress hormones, proinflammatory and antiinflammatory cytokines, and autoimmunityAnn N Y Acad Sci, 966, 290-303.

Elenkov, I.J., Wilder, R.L., Chrousos, G.P. & Vizi, E.S., (2000). The sympathetic nerve–an integrative interface between two supersystems: the brain and the immunesystemPharmacol Rev, 52 (4), 595-638.

Elaine Setiawan et al. (2015): Role of Translocator Protein Density, a Marker of Neuroinflammation, in the Brain During Major Depressive Episodes”, JAMA Psychiatry. 72(3):268-275

Rensing L (2015): Mensch im Stress: Psyche, Körper, Moleküle. Springer Spektrum

Het S (2009): Die Cortisolreaktion auf akuten psychischen Stress. Dissertationsschrift Universität Bochum

Kaluza G (2015): Gelassen und sicher im Stress. Springer Verlag


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